Wenn wir wieder reisen - Kommentar

Wenn man ein Reise-Ressort bei einer großen Tageszeitung leitet, bekam man 2020 am häufigsten diese Frage gestellt: „Und, wann können wir wieder verreisen?“ Und darauf gibt es mehrere Antworten. Ein Kommentar von Axel N. Halbhuber, Leiter Kurier-Ressort Reise. 

Vor denen sich die Politik immer ein Stück weit gedrückt hat. Ja, es gab Warnungen, sogar offizielle Reisewarnungen, es gab Angstszenarien und das Beharren auf dem Märchen, wonach die Reiserückkehrer das Virus in das Land rückimportieren würden. Dafür gibt es keinerlei Datenbasis, denn solange ein funktionierendes Contact Tracing existierte, waren diese Zahlen über die meiste Zeit tief einstellig, während Ansteckungen im Familien- und Freundeskreis stabil über siebzig Prozent lagen. Aber da man Maßnahmen im Privatbereich schlicht nicht ordentlich exekutieren kann, griff die Politik dort ein, wo sie sich durchsetzen kann. Und wenn eine Maßnahme hübsch plakativ ist, muss sie ja nicht auch noch sinnvoll sein, oder?

 

Zwischenzeitlich war es heuer auch gar keine schlechte Idee zu verreisen. Mit Abstand, mit Vernunft, mit etwas mehr Aufwand und bitte ohne Discobesuche. Aber dafür bekam man eine Welt, die nie wieder so leer sein wird. Denn von der Serengeti bis zum leeren Markusplatz hatte man die Welt selten so für sich alleine wie heuer. Dass man dabei nicht wahllos fremde Menschen abschmusen sollte, war jedem bewusst, aber das galt für Brasilien wie für Gumpoldskirchen. Es zählte und zählt da wie dort das eigene Verhalten und die Achtsamkeit – und das lächerliche Landkartenbingo, das die Politik in ganz Europa veranstaltete, verstellte nur den Blick auf das Wesentliche: Trage deine Maske, halte Abstand, begib dich nicht in coronadämliche Situationen. Dem Virus ist es nämlich überraschend egal, ob eine Party in Ottakring oder Ottawa steigt.

 

Das Leben ein Traum

Mittlerweile sind die Ansteckungszahlen so hoch (trotz seit Monaten eingeschränkten Reisens übrigens), dass uns nur das Träumen bleibt, aus der Krise in die Welt wegträumen. Sich hineinflüchten in das Absurde, das Surreale, in den Humor. Pläne zu schmieden und Bilder anzuschauen von den Sehnsuchtsplätzen. Wir Menschen brauchen das. Jetzt ist der richtige Moment für Reisedokus im Fernsehen und die langen Geschichten in der Zeitung, zu denen man sonst zu wenig oft kommt. Wer mit Ohnmacht geprügelt ist, hat zumindest Zeit.

 

Denn wozu sonst stehen wir als Menschen Krisen durch, wenn nicht, um sie hinter uns zu lassen?

Wir werden sie hinter uns lassen. Wir werden wieder reisen. In Echt.

 

Axel N. Halbhuber ist Reiseautor und Journalist. Er leitet das Kurier-Ressort Reise (kurier.at/reise) und die Sonntagsbeilage KURIER ReiseGenuss

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