Das Corona-Kreuzfahrtsparadoxon

Die Kreuzfahrtsbranche hat erkannt, dass sie den großen Nachteil „geschlossenes System“ zu ihrem großen Vorteil „geschlossenes System“ machen kann. Aber geht diese Rechnung tatsächlich auf? Ein Kommentar von Axel N. Halbhuber, Leiter Kurier-Ressort Reise.

Dieses Virus hat neben seiner Lästigkeit und Grausigkeit noch eine Eigenschaft: Es überrascht immer wieder aufs Neue. Seit März tapsten sogar viele anerkannte Experten von einer Erkenntnis zur anderen, dabei aber oft im Dunkeln und manchmal sogar daneben, wenn es um das Corona ging. Masken ja nein, Lockdowns ja nein, Schulöffnung ja nein … so richtig klar war kaum etwas.

 

In dieses durchwachsene Wissen um das neue Virus passt das überraschende Erstarken der Kreuzfahrt als besondere Reiseform. Nach den Schreckensmeldungen aus China und der Verbreitung in heimischen Aprés Ski-Biotopen ereilten uns recht bald die Meldungen von Schiffen, deren Passagiere sich in die totale Quarantäne begeben mussten, weil es Ansteckungen an Bord gab. Der logische Schluss: Jetzt wird es mit den Kreuzfahrten endgültig vorbei sein, das Image war durch das Erstarken der Nachhaltigkeitsbewegung ohnehin schon angekratzt. Aber ein Schiff als geschlossene Einheit wurde nun als sogar Schreckensort wahrgenommen werden, weil sich ein Virus dort wie wild verbreiten kann. Fazit: Im März hätte niemand darauf gewettet, dass Kreuzfahrten schnell aus dem Coronatief kommen, einige Schiffe wurden sogar frühzeitig der Verschrottung zugeführt.

 

Das geschlossene System

Aber dann ist etwas passiert, was in Coronazeiten nicht selbstverständlich ist: Die Verantwortlichen haben nachgedacht. Konkret hat die Kreuzfahrtsbranche erkannt, dass sie den großen Nachteil „geschlossenes System“ zum großen Vorteil „geschlossenes System“ machen kann. Wenn man es schafft, das Virus gar nicht erst an Bord zu lassen, kann man auf See eine Art „Safe Spot“ kreieren. Die Idee schien anfangs unrealistisch, aber mit der Entwicklung von sichereren und vor allem schnelleren Test immer wahrscheinlicher.

 

Tatsächlich fahren die Schiffe seit dem Spätsommer wieder, mit weniger Publikum und strengen Auflagen, aber die Rückmeldungen der Passagiere sind eindeutig positiv. Umso beachtlicher, als das Publikum von Kreuzfahrten oft eine gewisse Schnittmenge mit jenen Gruppen hat, die wegen des Virus mit dem Mascherl „vulnerabel“ markiert wurden. Und, dass alle gerne das Prozedere dafür auf sich nehmen: Testpflicht vor Betreten der Schiffe, also unmittelbar am Terminal. Ausflüge nur in der Gruppe, ohne dass man sich entfernen darf.

 

Kreuzfahren scheint diese Krise nicht nur zu überleben, sondern sich sogar ein neues Image erarbeiten zu können: sicheres Reisen. Es ist vielleicht während einer Krise gar keine schlechte Idee, sich zwischendurch mal Gedanken zu machen. Und damit für Überraschungen zu sorgen.

 

Axel N. Halbhuber ist Reiseautor und Journalist. Er leitet das Kurier-Ressort Reise (kurier.at/reise) und die Sonntagsbeilage KURIER ReiseGenuss

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