Jakobsweg: Geheime Insidertipps für den berühmtesten Pilgerpfad der Welt

Man muss nicht heilig sein um den Jakobsweg zu gehen! Fast 54.000 Menschen gehen jährlich den berühmten Pilgerweg, die wenigsten davon aus religiösen Gründen. Was die Leute trotzdem auf die Pfade des heiligen Jakobos führt, erzählt Michael Fenz, ein echter Jakobsweg-Pilger.

Auf den Spuren des heiligen Jakobs.

Seinen Ursprung hat der Jakobsweg im 11. Jahrhundert und diente zur Ehrung des heiligen Jakobus. Das Ziel des Weges ist das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Galicien, Spanien. Der ursprüngliche Weg liegt in Nordspanien – beginnt in den Pyrenäen und führt durch die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León bis hin zum besagten Grab. Vermittelt wurde den Menschen die Fürsprache des heiligen Jakobus zu einem versöhnenden Christus. 1970 wurde der Jakobsweg „Trend“. Was zu diesen Zeiten mit rund 70 Pilgern im Jahr begann, verzeichnet heute fast 54.000 Bestreiter. Mittlerweile finden sich in ganz Europa Wege mit der Beschilderung der berühmten Jakobsmuschel, die alle zum Grab führen sollen.

Der Wiener, Michael Fenz, machte sich 2018 das erste aber nicht letzte Mal auf dem Weg

 

Reed Exhibitions: Michael, warum bist du den Jakobsweg gegangen?

Michael Fenz: Bei mir war es eine Mischung aus Abenteuerlust und Spiritualität bzw. Selbstfindung. Ich wollte wissen, wie es ist, nur mit meinem Rucksack zu Fuß durch ein ganzes Land zu wandern. Beim Jakobsweg denken viele Menschen an einen Weg, den Tiefgläubige gehen um sich mit Gott zu verbinden oder Buße zu tun, also aus rein religiösen Gründen. Heute gibt es sicher noch immer einige Pilger, die religiös motiviert sind. Aus meiner Erfahrung und Gesprächen mit unzähligen Mitpilgern kann ich aber behaupten, dass heutzutage die Hauptmotivation in der Spiritualität bzw. der Selbstfindung liegt.

© Michael Fenz

Viele wollen wieder eine bessere Verbindung zu sich selbst schaffen, sich selbst wieder besser kennenlernen oder mit einem schweren Schicksalsschlag fertig werden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Weg ein sehr gutes Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Reed Exhibitions: Warum kann man das nicht zuhause in der gewohnten Umgebung machen?

Michael: Im „realen Leben“ also zuhause werden wir ständig abgelenkt. In der Früh checken wir unser Handy, dann lassen wir uns im Badezimmer von Musik beschallen, in der Arbeit sind wir durchgehend beschäftigt und wenn wir wieder am Abend nachhause kommen, folgt ein Netflix Abend. Bei so einem Tagesablauf sind wir praktisch nie bei uns selbst, sondern ständig abgelenkt. Auf dem Jakobsweg ist es allerdings genau umgekehrt. Man hat nichts zu tun als „Walk, Eat, Sleep and Repeat“. Dieses simple Leben ermöglicht es den Leuten wieder eine bessere Verbindung zu sich selbst herzustellen.

Reed Exhibitions: Wann bist du den Jakobsweg gegangen?

Michael: 2018 ging ich den Weg „Camino Portugues Central“, also von Porto nach Santiago de Compostela und dann weiter ans Kap Fisterra. 2019 den Weg „Camino del Norte“ von Irun nach Santiago de Compostela und dann weiter nach Muxia und anschließend ans Cap Fisterra. Wieder ein Jahr später, also 2020, den Weg „Camino Portugues da Costa“ von Porto nach Santiago de Compostela. Für heuer plane ich den „Camino Primitivo“ von Oviedo nach Santiago de Compostela.

Reed Exhibitions: Wie weit waren die Abschnitte jedes Mal?

Michael: 2018 legte ich 340 Kilometer zurück, 2019 war mein Highlight mit 1000 Kilometer und 2020 280 Kilometer.

Reed Exhibitions: Warst du alleine unterwegs oder in einer Gruppe?

Michael: Ich bin jedes Mal alleine gestartet. Auf dem Weg trifft man aber viele nette Leute aus der ganzen Welt, die auch den Weg beschreiten. Da man da gleiche Ziel hat, trifft man häufig die gleichen Leute. Daraus entwickeln sich recht schnell enge Freundschaften. Ich bin nach wie vor mit vielen Leuten, die ich auf dem Camino getroffen habe, in Kontakt. Auf dem Jakobsweg bist du nur alleine, wenn du dich dafür entscheidest alleine zu sein. Pilger sind im Normalfall sehr freundlich, tolerant und aufgeschlossen. Man kommt sehr schnell ins Gespräch miteinander und teilt seine Geschichten und Erfahrungen. Meine klare Empfehlung lautet auch alleine zu starten!

 

Reed Exhibitions: Hast du vorab viel geplant oder eher spontan entschieden?

Michael: Vor meinem ersten Weg habe ich mich relativ intensiv mit der nötigen Ausrüstung beschäftigt. Dazu habe ich diverse Youtube Videos, Blogs und Reiseführer durchgearbeitet. Ich habe mich absichtlich nicht mit den Details des Weges (genaue Etappe, Streckenverlauf, Sehenswürdigkeiten usw.) beschäftigt, weil ich mir die Überraschung nicht nehmen wollte. Bei meinem ersten Start in Porto wusste ich nur: „Das Meer sollte auf der linken Seite sein, los geht’s!“. Dies hat sich auch als sehr gute Entscheidung herausgestellt. Immer wieder habe ich Pilger getroffen, die alles perfekt durchgeplant hatten. Also schon vorab eine genaue Etappeneinteilung inkl. Übernachtungen geplant hatten. Davon rate ich dringend ab! Jeder Tag ist anders, man weiß nie, was auf einen zukommt. Mal fühlt man sich körperlich fit und kann mehr Kilometer pro Tag gehen, an anderen Tagen sollte man sich eher schonen. Dabei ist es wichtig auf seinen Körper zu hören. Und außerdem: „Es kommt eh immer anders, als man denkt!“.

Reed Exhibitions: Wo hast du während deines Weges geschlafen?

Michael: Das Herbergennetz ist auf den klassischen Wegen sehr gut ausgebaut. Die Einheimischen haben sich gut auf die Pilger eingestellt. Herbergen, Pensionen, Hotels, Restaurants und Apotheken findet man in fast jedem Dorf entlang des Weges. Dadurch ist eine genaue Planung auch gar nicht notwendig. Man startet einfach jeden Tag und entscheidet dann spontan wie weit man geht und sucht sich dann vor Ort einen Schlafplatz bzw. eine Herberge.

Reed Exhibitions: Wie viele Kilometer gehst du pro Tag?

Michael: Das ist ganz unterschiedlich. Ich gehe gerne längere Etappen zwischen 30 und 40 Kilometer. Die meisten Pilger legen im Durchschnitt etwa 25 Kilometer pro Tag zurück. Spanier sind sehr sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Falls man keinen Schlafplatz mehr bekommt (was sehr unwahrscheinlich ist), findet man sicher einen netten Spanier, bei dem man eine Nacht schlafen könnte 😊

Reed Exhibitions: Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Michael: Meine Erfahrungen auf meinen Wegen waren durchwegs positiv. Die schönen Landschaften, die freundlichen Menschen, das einfache Leben, die körperliche Ertüchtigung, die Freundschaften, die man schließt, das unbeschwerte Leben, das Abenteuer. Es ist der genaue Kontrast zu unserem stressigen und hektischen Leben.

Mit der Zeit merkt man außerdem, wie wenig Dinge man tatsächlich braucht. Man ist wochenlang unterwegs und alles was man benötigt, hat Platz in einem Rucksack. Wenn man in öffentlichen Herbergen übernachten, kann es passieren, dass man nur auf einer Matratze mit 80 anderen Leuten in einem Raum schläft. Ohne Decke, ohne Polster. Die Dusche gibt kaum Wasser und ist eiskalt. Diese Sachen stören aber überhaupt nicht, sondern sind Teil der Reise. Zuhause angekommen bekommt man einen ganz anderen Blick auf sein eigenes Bett, auf seine eigene Dusche oder einem „Nicht-Mikrofaserhandtuch“.

Reed Exhibitions: Wie kommt man mit solchen "Umständen" zurecht?

Michael: Es gibt einen sehr gängigen Spruch auf dem Jakobsweg: „Der Camino gibt dir nicht was du willst, sondern was du brauchst!“. Dieser hat sich immer wieder bewahrheitet. Viele Pilger starten mit Erwartungen an den Weg und an ihre Reise. Oft kommt es aber dann ganz anders. Der Weg zeigt dir deine Stärken und Entwicklungsfelder auf. Man gewinnt unterwegs einen anderen Blickwinkel auf sich, sein Leben, seine vermeintlichen Probleme.

Reed Exhibitions: Was sollte man unbedingt dabei haben?

Michael: Die Ausrüstung ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Dabei sollte man sich möglichst du vorbereiten. Man muss schließlich jedes Gramm auf dem Rücken für viele Wochen mitschleppen. Also möglichst nur das Notwendigste mitnehmen. Der Rucksack, die Schuhe und die Socken müssen auf jeden Fall stimmen, sonst sind Verletzungen oder Blasen vorprogrammiert Am besten in ein Fachgeschäft gehen, dort von einem Fachmann beraten lassen und dann auch ausgiebig testen. Das Schweizer Taschenmesser für den Jakobsweg ist für mich das Smartphone. Das verwende ich für Fotos, Videos, zur Navigation, zum Kontakthalten mit Mitpilgern, als Taschenlampe, ggf Herbergen zu reservieren oder abends auch einfach mal ein E-Book zu lesen. Manche Pilger verzichten allerdings absichtlich auf ihr Handy, weil sie Social Media Detox betreiben wollen.

Als Faustformel sagt man, dass der Rucksack nicht mehr als 10% des eigenen Körpergewichts betragen soll. Um Anfänger in Ausrüstungsfragen zu unterstützen habe ich ein sehr detailliertes Video zu diesem Thema zu erstellen. Dabei gehe ich auf jeden Ausrüstungsgegenstand genau ein und erkläre warum es Sinn macht oder nicht.

Reed Exhibitions: Jetzt hast du uns schon so viele tolle Eindrücke geben können, aber hast du ganz besondere Erlebnisse, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Michael: Besondere Erlebnisse erlebt man jeden einzelnen Tag. Oft sind es die Kleinigkeiten. Die Hilfsbereitschaft unter den Pilgern ist sehr groß. Man tauscht sich aus, man hilft sich und man wächst zu einer richtigen Familie zusammen. Die Reise endet in Santiago de Compostela vor der Kathedrale. Dieser Moment ist meistens sehr emotional. Einerseits ist man glücklich und stolz den Weg geschafft zu haben, aber andererseits kommt ein Gefühl von Traurigkeit, weil der Weg jetzt zu Ende ist. Viele Pilger werden zu Wiederholungstätern und kommen regelmäßig wieder.

Der Weg ist sehr gut mit gelben Pfeilen markiert. Mind. Alle 100 Meter findet man einen Pfeil und findet somit sehr einfach den richtigen Weg. Wenn man allerdings in Gespräche vertieft ist, kann es schon mal passieren, dass man falsch abbiegt. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 99 Prozent, dass sofort ein freundlicher Spanier aus seinem Haus läuft und den richtigen Weg weist. Es kommt auch immer wieder vor, dass man von Einheimischen ein Stück Obst oder einen Schluck zu trinken bekommt.

Michaels persönlicher Motivations-Tipps, um Ausreden aus dem Weg zu schaffen

„Ich bin zu alt“

Zu alt kann man für den Camino nicht sein. Ich habe sogar einen 80-jährigen Herren getroffen, der den Weg bestritten hat. Er wollte den Weg schon immer gehen, aber aus diversen Gründen war es ihm bis dahin nicht möglich. Seine Ehefrau ist leider ein Jahr zuvor gestorben und seine 2 Töchter wollten ihm seinen größten Traum erfüllen, also sind sie mit ihm den 1000 Kilometer langen Weg gepilgert. Natürlich langsamer als der Durchschnitt - aber Stress ist auf dem Weg sowieso fehl am Platz.

„Ich bin nicht sportlich genug“

Natürlich ist es leichter, wenn man körperlich fit ist und vielleicht noch viel wandert, ist aber sicher keine Voraussetzung um den Weg zu meistern. Wenn man körperlich nicht fit ist, dann geht man einfach weniger Kilometer pro Tag oder legt immer wieder Pausentage ein. Es gibt sogar die Möglichkeit seinen Rucksack in die nächste Herberge vorschicken zu lassen. Ich habe davon allerdings noch nie Gebrauch gemacht.

„Ich bin nicht religiös“

Auch wenn noch einige Leute aus religiösen Gründen pilgern, ist heutzutage das Hauptmotiv die Selbstfindung. Einige Leute bestreiten den Weg aus sportlich Gründen gehen oder lieben einfach nur das Wandern.

„Ich habe nicht genug Geld“

Im Vergleich zu anderen Reisen, ist der Jakobsweg wirklich sehr günstig. Eine Übernachtung in öffentlichen Herbergen kostet zwischen 0 und 15 Euro. Manchmal nur gegen freie Spende. Ein Frühstück kostet 3-4 Euro und ein Pilgermenü 8-12 Euro. Ein Pilgermenü ist ein Drei-Gänge-Menü mit einer Flasche Wasser und einer Flasche Wein. Gesamt benötigt man wahrscheinlich etwa 1200 Euro für 4 Wochen. Wenn man es etwas luxuriöser (zB Pensionen oder Hotels statt öffentlichen Herbergen) mag, dann etwa 1500 Euro.

„Ich habe keine Zeit“

Die längeren Jakobswege nehmen etwa 4-7 Wochen Zeit in Anspruch. Für einen Berufstätigen Menschen ist das natürlich nicht einfach zu vereinbaren. Manche Pilger gehen den Weg allerdings in Etappen. Also beispielsweise jedes Jahr 2 Wochen. Im darauffolgenden Jahr starten sie dann dort, wo sie letztes Jahr aufgehört haben. Bis sie dann schlussendlich in Santiago de Compostela ankommen. Es gibt außerdem nicht nur DEN Jakobsweg, sondern es ist vielmehr ein Netz aus Wegen in Europa, die alle das gleiche Ziel haben: Santiago de Compostela. Es gibt Wege wie den „Camino Portugues“ oder den „Camino Primitivo“, die man in etwa 2 Wochen bewältigen kann. Die längeren Jakobswege sind beispielsweise der „Camino Frances“ und der „Camino del Norte“. Diese nehmen etwa 4-7 Wochen Zeit in Anspruch.

„Ich habe Angst alleine“

Gerade Frauen haben öfters bedenken so eine Reise alleine zu starten. Ich kann aber versichern, dass es eine sehr sehr sichere Art zu reisen ist. Ich habe unzählige Frauen, die alleine gestartet sind, getroffen. Von 18-jährigen Maturantinnen bis hin zu Pensionistinnen. Mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem es zu Übergriffen oder ähnliches gekommen ist. Außerdem startet man im Normalfall nur alleine und findet dann sehr rasch Anschluss.

„Ich spreche kein Spanisch“

Spanisch ist nicht unbedingt notwendig. Auch wenn es natürlich nett ist, wenn man die gängigsten Wörter wie „Hallo“, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“ beherrscht. Englisch ist im Allgemeinen sehr weit verbreitet. Selbst wenn man kein Englisch spricht, wird man sich auch gut zurechtfinden. Körpersprache und andere Mitpilger machen es möglich 😊

Jakobsweg in Wien

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und eine „Kostprobe“ haben möchte, der kann sich sogar in Wien auf dem Weg machen. Der 38,4 km lange Routenabschnitt durch Wien, von der Jakobskirche in Schwechat über den Alberner Hafen bis Purkersdorf, ist bestens ausgeschildert.

Alles Fotos hat Michael Fenz persönlich geschossen.